Das ist eine Revolte

„Wenn alle leiden sollen, um mit ihrem Leiden die ewige Harmonie zu erkaufen, was haben die Kinder damit zu tun? (…) Es ist unbegreiflich, weshalb auch sie leiden und die Harmonie mit ihren Leiden erkaufen sollen. Weshalb sind ausgerechnet sie unter das Material geraten und haben für irgend jemand die künftige Harmonie zu düngen? (…) Oh, Aljoscha, das ist keine Gotteslästerung! Ich stelle mir vor, wie gewaltig die Erschütterung des Weltalls sein müßte, wenn alles im Himmel und unter der Erde sich in einem einzigen Lobgesang vereint und alles Lebende und Gelebthabende ausruft: > Ja, Herr, allmächtiger Gott, Deine Gerichte sind wahrhaftig und gerecht!<  Wenn die Mutter ihren Peiniger, dessen Hunde ihren Sohn zerrissen haben, umarmt und wenn alle drei unter Tränen verkünden: > Gerecht sind deine Gerichte, Herr!<, dann ist die Krönung der Erkenntnis eingetreten, und alles erklärt. Und gerade hier komme ich an den Punkt, den ich nicht hinnehmen kann. Sie (die Harmonie) ist nicht auch nur ein Tränchen jenes gemarterten Kindes wert, das sich mit den kleinen Fäustchen an die Brust schlug und in dem stinkenden Verschlag unter ungesühnten Tränen nach seinem > lieben Gott < rief! Sie ist es nicht wert, weil seine Tränchen unvergolten bleiben. Sie müssen aber gesühnt werden, sonst ist die Harmonie undenkbar. Aber wie, wie kann man sie sühnen? Ist das überhaupt möglich? Doch nicht, indem sie gerächt werden? Wozu brauche ich die Rache, wozu brauche ich die Hölle für die Peiniger, was kann die Hölle wiedergutmachen, wenn sie schon zu Tode gemartert sind? (…) Und wenn die Leiden der Kinder notwendig sind, um jene Summe von Leiden vollzumachen, die für den Erwerb der absoluten Wahrheit unerläßlich ist, so behaupte ich im voraus, daß die absolute Wahrheit einen solchen Preis nicht wert ist. Ich will nicht, dass die Mutter den Peiniger umarmt, dessen Hund ihren Sohn zerfleischt hat. Sie soll ihm nicht vergeben! Wenn sie will, mag sie ihm ihr Leid vergeben, mag sie doch dem Peiniger das eigene unermessliche Leid einer Mutter vergeben; aber sie hat nicht das Recht, das Leid ihres zerfleischten Knaben zu vergeben, sie soll dem Peiniger nicht vergeben, selbst wenn das Kind ihm vergeben würde! Und wenn das so ist, wenn sie nicht vergeben sollen, wo bleibt dann die Harmonie? Gibt es auf der ganzen Welt ein Wesen, das vergeben könnte und das Recht dazu hätte? Ich will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine Harmonie. Lieber bleibe ich bei meinem ungerächten Leid und meinem ungestillten Zorn, mag ich auch ‚im Unrecht sein‘.“

– Dostojewski: Die Brüder Karamasow, IV Die Revolte.